Am 25. August 2006 feierten wir ein großes Kinderfest zum Abschied der Bibby Altona. Der Film dokumentiert die Arbeit der ersten zehn Jahre und gibt einen kleinen Einblick in das Leben auf den Schiffen. Wir haben ihn wieder entdeckt als wir hörten, dass in Hamburg wieder über neue “Wohnschiffe” für Geflüchtete nachgedacht wird.

Unterstützer_innen

Unsere Arbeit wird derzeit ermöglicht von

  • vielen Spender_innen und Freund_innen
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  • dem Spendenparlament Hamburg
  • der Stiftung :do
  • der Stiftung Maritim Hermann & Milena Ebel
  • terre des hommes
    Eine Liste all unserer Partner_innen seit Beginn unserer Arbeit findet sich hier.
    Vielen Dank!

  • Geschichte

    Die Geschichte des Projekts im Spiegel der Lagerpolitik

    Menschen wohnen. Unsere heutige Gesellschaft konnte ihre Gestalt annehmen, weil Menschen ihren Wohnort frei wählen. Die großen Städte entstehen so und ihre Vorstädte. Das Recht, den Aufenthaltsort selbst zu bestimmen, ist Grundrecht und Voraussetzung für bürgerlich verfasste Systeme. Bis in die 1980iger Jahre galt das Recht auf freie Wohnungswahl jedenfalls theoretisch für alle Menschen, die hier lebten. Seit 1980 wird das Rad der Geschichte zurückgedreht. Im reichen und sicheren Deutschland Schutzsuchende verloren schrittweise das Recht zu wohnen. Im Wechselspiel zwischen Populismus und Gesetzgebungsverfahren wurden Flüchtlinge zunehmend zur „Belastung“ umdefiniert.

    In der Umdeutung von zugezogenen Menschen auf Wohnungssuche zur Belastung, die gerecht verteilt werden muss, drückt sich ein grundlegender Wandel aus. Menschen werden von Subjekten zu Objekten. Über ihren Aufenthaltsort können jetzt Andere bestimmen, sie verlieren ihre bürgerlichen Rechte. Schlimmer noch – Herkunft, Hautfarbe und Religion werden über das Instrument des Aufenthaltsstatus ganz im Widerspruch zur Maxime der Gleichheit zum Grund, das Recht zu wohnen gar nicht erst zu gewähren. Weil diese Menschen zur belastenden Gruppe umdefiniert wurden, konnten sie im Verlauf der letzten 25 Jahre durch immer neue Sondergesetze von der Mehrheit getrennt werden. Die Beschreibung der Verschärfungen füllt inzwischen Bücher und Berichte von Menschenrechtsorganisationen.

    Vor diesem Hintergrund charterte die Hamburger Sozialbehörde ab 1989 nach und nach bis zu fünf schwimmende Containerunterkünfte. Diese wurden als Altonaer Flüchtlingsschiffe bekannt. Sie wurden zunächst als Unterkunft für Übersiedler aus der DDR, dann aber bald für Aussiedler und Flüchtlinge verwendet. Die schnell und sehr lange überfüllten Schiffe waren der Ort, an dem Tausende von Familien ihre ersten Monate und manchmal Jahre in Hamburg verbringen mussten.

    Die betroffenen Menschen, die sich zum Teil schon lange Zeit auf der Flucht befanden, und die aus Gebieten kamen, wo Krieg und Unsicherheit sie vertrieben haben, waren hier in Hamburg angekommen allein und isoliert. Sie fanden eine neue Welt, eine fremde Kultur und einen anderen Lebensstil vor. Sie waren in engen Kabinen untergebracht, wo die Einwohner keine Intimsphäre hatten, wo die Kinder kaum Platz zum Sitzen hatten, geschweige denn zum Spielen. Kinder wie Eltern kannten die Sprache nicht und fanden sich auch räumlich in Hamburg kaum zu Recht. Die Ungewissheit was aus ihnen wird, ob sie da bleiben dürfen und wie lange, war eine der massivsten Belastungen für diese Menschen auch und besonders für die Kinder. In Kabinen leben müssen, heißt nicht ankommen dürfen.

    Aus dieser Erkenntnis heraus stellte das Antirassistische Telefon ein Kinderzelt vor den Schiffen auf, aus dem sich dann 1992 das Wohnschiffprojekt Altona entwickelte. Von 1992 bis 1996 war das Wohnschiffprojekt ein sogenanntes Inlandprojekt von terre des hommes. Seit 1996 sind wir ein eingetragener Verein, aber weiter Projektpartner von terre des hommes. Der kleine Träger versuchte von Beginn an, an diesem ungastlichen Ort etwas Menschenwürde zurückzubringen. Die vielen Kinder, die wir betreuen durften, betrachteten wir nicht als Opfer, sondern Menschen in einer Lebensphase, die sie nicht nur besonders verletzlich macht, sondern sie auch mit einer großen Offenheit und Neugier ausstattet. In den Jahren 1995 bis 1999 konzentrierte sich die pädagogische Arbeit stark auf Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, weil ein Teil der Schiffe zur Dauerunterkunft für Familien dorther gemacht wurde.

    Die Jahre 1997 bis 2002 waren geprägt von einer ständigen Überbelegung der Schiffe und einer enormen Fluktuation. Nach Jahren der Überbelegung sanken seit 2002 durch drastische Abschottungs- und Abschiebemaßnahmen der Bundesregierung die Belegungszahlen. Wir protestierten immer wieder gegen die repressive Flüchtlingspolitik und plädierten gleichzeitig für eine bedarfsgerechte Versorgung aller Flüchtlinge mit Sozialwohnungen. Wir wussten allerdings auch, dass die Planungen in eine ganz andere Richtung gingen und weiter gehen. Ausreiseverpflichtete – die ja zu manchen Zeiten die Hälfte der hier Lebenden ausmachten – sollten in sogenannten Ausreisezentren gefängnisähnlich verwahrt werden.

    Parallel zu dieser politischen Parteilichkeit entwickelten wir unsere pädagogische Arbeit in dieser Phase entscheidend weiter. Der immer kürzeren Verweildauer der Kinder und ihrer Familien begegneten wir mit der Entwicklung eines intensiven Sprachtrainings in Kombination mit einem Orientierungsprogramm für Stadt und Kultur. Unsere Pläne konnten auch deshalb so nah an den Kindern und ihren Familien orientiert sein, weil in den 15 Jahren unseres Bestehens stets die MitarbeiterInnen mit einem Flucht- oder Migrationshintergrund in der Mehrheit waren und auch in Leitungspositionen arbeiteten.

    Durch das Zuwanderungsgesetz erhoffte man sich, die leistungsfähigen Arbeitskräfte effektiver als bisher von sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen trennen zu können. Immer nach dem Motto: Mit wem sich Geld machen lässt, der war hier stets willkommen. Der jüngste Imageverlust Deutschlands, als Land in dem Menschen anderer Hautfarbe und Herkunft durch applaudierende Menschenmengen getrieben werden, löst bei den Verantwortlichen die Sorge aus, dass diese Trennung nicht funktioniert. Und sie funktioniert nicht: Man kann eben nicht gleichzeitig die Menschen ihrer Rechte berauben und sie damit isolieren und stigmatisieren und dann davon ausgehen, dass die gutausgebildeten Landsleute der staatlich Diskriminierten von dem selben Mob willkommen geheißen werden, deren Unzufriedenheit man als Begründung für die Entrechtungsmaßnahmen benutzt hatte.

    Diese in ganz Deutschland und unter Federführung dieses Landes sich auch in der EU durchsetzende Aussonderungspolitik wurde in Hamburg durch den sog. Schwarz-Schill-Senat massiv vorangetrieben: „In Auswirkung der vom Senat der Freien und Hansestadt zum 01.10.2003 beschlossenen Neuordnung der ZEA werden keine Personen mit dauerhaftem Bleiberecht mehr aufgenommen, sondern nur Neuzuwanderer ohne gesicherte Aufenthaltsperspektive. Es handelt sich um eine an ordnungspolitischen Zielen orientierte Erstaufnahme mit dem Ziel der schnelleren Rückführung von Ausländern ohne Aufenthaltsrecht in Deutschland. Insofern hat sich der Personenkreis der Kinder und ihrer Familien in der ZEA geändert, als dass alle Bewohner keine dauerhafte Bleibensperspektive haben und so kurzfristig wie möglich rückgeführt werden.“ So eine Beschreibung der Neuordnung aus der Sozialbehörde, die ihre Zuständigkeit für die Erstaufnahme im Zuge der Neuordnung an die Innenbehörde abgeben musste.

    Die Übernahme der Schiffe durch die Innenbehörde bedeutete für die Flüchtlinge noch mehr Kontrollen und sofortige Meldung ihrer Ergebnisse an die nun auf den Schiffen stationierte Ausländerbehörde. Auch für das Wohnschiffprojekt hatte der Zuständigkeitswechsel Folgen. Waren wir für die Sozialbehörde manchmal unbequeme, aber im Prinzip kompetente Vertragspartner, wurden wir von der Innenbehörde ganz offen als Feinde begriffen und bezeichnet. Diese Haltung zeigt die schon fast paranoide Feindseligkeit dieser Entrechtungsbehörde gegenüber den Flüchtlingen, müssen sie doch schon eine Parteinahme für deren Kinder als Feindschaft interpretieren.

    Leider war diese Verschlechterung für die Lebensbedingungen der hier ankommenden Flüchtlinge erst der derzeit vorletzte Schritt in einer 25-jährigen Entwicklung der Entrechtung und Aussonderung von Menschen in Not. Seit dem 1.10.2006 werden in Hamburg ankommende Flüchtlinge nicht mehr in Hamburg, sondern im Wald zwischen Lauenburg und Boizenburg untergebracht. Dennoch ist und bleiben die „Bibby-Schiffe“ für Hunderte Flüchtlingskinder, die in Hamburg leben, ein Symbol für ihre erste Zeit in Hamburg. Aus diesem Grund stellte das Wohnschiffprojekt sein jährliches Sommerfest für die Kinder und Jugendlichen, die auf den Schiffen leben oder gelebt haben unter das Motto „Die Bibby Altona kriegt Transfer“. Fast schon erwartet untersagte die Innenbehörde dem Wohnschiffprojekt die Durchführung des Sommerfestes am 25.8.06 und drohte sogar mit polizeilicher Räumung bei Zuwiderhandlung.

    Zum Glück – und hier schließt sich der Kreis – fanden sich sofort Menschen, die es dem Wohnschiffprojekt und damit den Flüchtlingskindern und ihren Familien ermöglichten, das Fest in unmittelbarer Nähe der „Bibby Altona“ zu feiern. Überhaupt wäre unsere Arbeit nicht möglich gewesen, wenn nicht immer wieder Menschen ihre Kompetenzen und Möglichkeiten zur Verfügung gestellt hätten.

    Die Lebenssituation der Flüchtlingskinder in der nun gemeinsamen ZEA von Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern ist durch eine nochmalige Verschlechterung gekennzeichnet. Zwar schaukelt es nicht mehr, dafür aber ist die Kontrolle in der ehemaligen NVA-Kaserne fernab von jedem Dorf noch ausgeklügelter als auf den Flüchtlingsschiffen. Und für die Kinder, die dort leben müssen, gibt es im Unterschied zu Hamburg keine Möglichkeit mehr, eine Schule zu besuchen. Als ich in Deutschland war, ging ich noch zur Schule, sagte uns ein Kind, das dort leben musste. So ist die Aussonderung noch totaler geworden.

    Das Wohnschiffprojekt stellte und stellt seine Erfahrungen und auch die persönlichen Verbindungen zu vielen Flüchtlingskindern seit 2006 in einem Projekt zur Verfügung, mit dem wir Flüchtlingsjugendliche in Hamburger Folgeunterkünften auf ihrem schwierigen Weg begleiteten, sich in dieser oft als feindlich erlebten Gesellschaft zurechtzufinden.

    Die immer wieder beschworene Integration ist nicht möglich in einer Gesellschaft, in der Menschen ausgesondert und entmündigt werden. Nur freie Menschen haben einen Grund, mündige Bürger zu werden. Werden Andere von Grundrechten systematisch ferngehalten, müssen Zweifel an der Integrität der Gesellschaft entstehen. Stehen nicht auch andere in der Gefahr, ihre Rechte zu verlieren? Ein naheliegender Gedanke in einem System, das nicht alle gleichbehandelt.

    Das Wohnschiffprojekt Altona betreute seit 1996 Flüchtlingskinder auf den sogenannten Flüchtlingsschiffen in Hamburg-Altona. Seit Abschaffung der Flüchtlingsschiffe im September 2006 werden Flüchtlingskinder, Jugendliche und ihre Familien aus den lagerähnlichen Folgeunterkünften betreut. Neu hinzu gekommen ist 2010 mit dem Infomobil das erste Auslandsprojekt des Wohnschiffprojekt Altona.