Im Februar hatten wir wieder eine Praktikantin im Wohnschiffprojekt. Wir freuen uns sehr, dass wir aus dem langen Bericht den sie für die Schule geschrieben hat zitieren können. Hier also: Zwei Wochen mit dem Wohnschiffprojekt aus Sicht unserer Praktikantin M. Vielen Dank für den Bericht!
Das Wohnschiffprojekt Altona:
- Das Wohnschiffprojekt Altona e. V. ist ein Verein zur Hilfe von Flüchtlingskindern.
- Der Verein bietet ca. 10 verschiedene Kurse an, inklusive einer Reise an die Ostsee: Deutschkurse für Erwachsene, Computerkurse für Kinder und Jugendliche, Sportkurse wie Schlittschuhlaufen u. a., Frauenschwimmen und zwei Fotokurse.
- Der Verein finanziert einen „Infobus“ in Griechenland, der Flüchtlinge, die dort meist auf der Durchreise sind oder dorthin abgeschoben wurden, informiert und berät.
- Ein weiteres Projekt des Vereins ist die „Willkommensinsel“ in Griechenland: eine Wohnung, die Flüchtlinge nach ihren gefährlichen Fluchten kurzfristig aufnimmt.
Praktikumstagebuch
Mittwoch, der 08. Februar
Heute war ich bei der monatlichen Teamsitzung, um die Mitarbeiter kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und festzustellen welche Kurse ich während des Praktikums besuchen möchte …
Montag, der 20. Februar
Heute habe ich den Deutschkurs für Erwachsene besucht. Ich wusste nicht, wie ich auf die Menschen zugehen soll. Aber sie haben mich angesprochen und ich hatte Glück, dass der Großteil Menschen afghanischer Abstammung waren: sie sprechen Dari, ein Dialekt des heutigen Persisch bzw. Farsi. Viel schwieriger war es, kulturelle Barrieren zu überwinden …
Mittwoch, der 22. Februar
Heute habe ich erfahren, dass einige Kursteilnehmer zweimal die Woche oder sogar öfter nach Hamburg extra aus der Umgebung von Hamburg kommen, weil es bei ihnen keine Deutschkurse gibt. Für ihre Teilnahme erhalten die Flüchtlinge und Einwanderer eine Sondergenehmigung, da sie sonst nicht ihren Landkreis verlassen dürfen. Ich fand es erstaunlich wie sehr diese Menschen in ihrer Bewegungs- und Wohnfreiheit eingeschränkt sind.
Es zu einer kleinen Diskussion gekommen, als einer der afghanischen Kursteilnehmer den Vorschlag machte, sie sollten zusammen – Frauen und Männer – ins Schwimmbad gehen: einerseits solle doch jeder selbst entscheiden ob er sich an religiöse Regeln hält, aber andererseits sei das dann irgendwie nicht richtig, jedenfalls für einen Afghanen, sich solche Freiheiten zu erlauben. Es hat mir gezeigt, dass unter den Flüchtlingen – von denen alle Frauen ein Kopftuch tagen, wenn auch nicht in allzu strenger Form und obwohl die Männer alle auf der einen und die Frauen auf der anderen Seite des großen Tisches sitzen – doch eine relativ tolerante Stimmung unter ihnen herrscht, was Religion und Freiheit angeht…
Donnerstag, der 23. Februar
Am Donnertag habe ich den Computerkurs für Jugendliche (11-14 Jahre) in Billbrook besucht. Auch die Jüngsten waren überraschend selbstbewusst: als sie mir die Hand gaben, wirkten sie sehr eigenständig und erwachsen, auch wenn sie sofort danach wieder zu den 11-jährigen wurden, die sie ja sind. Es muss an den schwierigen Umständen und der Art zu leben liegen, dass den Kindern schon früh viel Selbständigkeit abverlangt wird, dass sie so viel selbstbewusster und älter daherkommen.
Andererseits haben mir die Kursleiter erzählt, wie schwierig es ist die Jugendlichen zu ermuntern ernsthaft zu lernen. Selbst wenn sie ein Problem haben, wollen sie nicht gezeigt bekommen, wie sie es selbst bewältigen können, sondern wollen nur, dass die Kursleiter für sie eine Lösung suchen…
Freitag, der 24. Februar
Heute beim Computer-Kurs für die 5-10-jährigen haben mir die Kursleiter erzählt, was sie erreichen wollen: die Kinder behutsam an Computer, Maus und Tastatur heranzuführen – andererseits den Kindern eine Freizeitaktivität anzubieten, von denen es in der kargen Wohnunterkunft mit seinen teilweise winzigen Wohnungen kaum welche gibt…
Samstag, der 25. Februar
Heute war der Schlittschuh- und Jugendclubtag: von 10-12 Uhr Schlittschuhlaufen in Planten und Blomen – danach verschiedene Freizeitaktivitäten in der Struenseestraße. Weil ich mit einigen in ihrer Muttersprache reden konnte, habe ich Kontakt zu ihnen gefunden. Von zwei der Mädchen habe ich gelernt, wie man einen Serbischen Volkstanz tanzt, natürlich begleitet von der richtigen Musik.
Jeder Kurs, den ich bis jetzt besucht habe und die Menschen, die ich dort getroffen habe, bringen mich immer wieder zum nachdenken, auch weil man mit schwierigen Schicksalen konfrontiert wird und (auch wenn das jetzt klischeehaft klingt) sich bewusst wird, wie viel Glück man hat. Vor allem wenn ich an die Jugendlichen denke, in meinem Alter, oder an die Kinder, deren Zukunft so ungewiss und so schwierig ist. Ich werde versuchen mich nicht mehr darüber zu beschweren, dass ich Abitur machen werde, seit dem ich von einem Mädchen gehört habe deren Traum es ist, genau das zu tun…
Montag, der 27. Februar
Heute habe ich einen neuen Deutschkurs besucht, der direkt in der Wohnunterkunft Billbrook stattfindet. Es waren nur Frauen da und zwei von ihnen hatten ihre Babys mitgebracht, die von einer weiteren Mitarbeiterin des Vereins betreut wurden. Mir wurde von den Frauen berichtet, wie schwierig es ist, wenn Babys da sind und die Mütter immer wieder rausgehen müssen, wenn ihr Kind nicht aufhören will zu weinen. Man kann die Mütter dann auch nicht zwingen sitzen zu bleiben…
Dienstag, der 28. Februar
Heute war ich im Büro des Vereins wo der Koordinator arbeitet: Finanzierung oder das „fund raising“. Das Geld kommt von Stiftungen, von der Stadt und Behörden und zum kleinen Teil auch durch Spenden. Es gilt dabei, immer wieder neue Kontakte zu knüpfen, auf die Arbeit des Vereins aufmerksam zu machen, früh Anträge zu stellen, Papiere, vereinbarte Fristen einzuhalten und neue Projektskizzen mit Beschreibung der Angebote und Kostenplänen zusammenzustellen…
Samstag, der 3. März
Heute war ich in einem neuen Kurs: dem Schwimmkurs für Frauen, der von einer Tochter und ihrer Mutter geleitet wird. Jeden Samstag von 10-14 Uhr ist das Schwimmbad St. Pauli nur für Frauen geöffnet. Es warteten schon viele Frauen mit ihren Töchtern da, bis die ganze kleine Eingangshalle des Schwimmbads ziemlich überfüllt war. Nach ca. einer Stunde Schwimmen kam eine Frau die 20 Minuten lang Wassergymnastik mit allen machte und gleichzeitig wurden die Sprungtürme geöffnet. Es ist ein tolles Angebot ist und eine gute Möglichkeit bietet, seine Freizeit zu gestalten, etwas Gutes für seinen Körper zu tun, sich mit Freunden zu treffen und neue Menschen kennenzulernen.
Abschließende Bewertung:
Es sind einige Fragen offen geblieben, vor allem im Zusammenhang mit den Menschen, die dort in der Wohnunterkunft leben. Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie es ist, in der Situation dieser Jugendlichen zu sein, und stelle sie mir sehr frustrierend und verzweifelnd vor. Die Jugendlichen in meinem Alter, die dort leben, leben in völliger Ungewissheit, wie lange sie noch hier bleiben und zur Schule gehen können – ihre einzige Chance, aus ihrer derzeitigen Lage endgültig herauszukommen. Das würde mir sehr große Angst machen, nie ein besseres Leben führen zu können.

























